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"Schweizer Hobby-Webcaster spielen nur noch Bands ohne Plattenvertrag" Auszug aus "Schweiz: Musikindustrie Contra Webradio" mit freundlicher Genehmigung durch Wolf-Dieter Roth, erschienen bei Heise.de Die Plattenfirmen machen in Deutschland derzeit hauptsächlich mit CD-Kopierschutzverfahren von sich reden, die zwar so heißen, in Wirklichkeit aber nicht das Kopieren, sondern ziemlich oft das Abspielen der CD-ähnlichen Scheiben in zu alten, zu neuen oder professionellen CD- und DVD-Spielern verhindern. Dabei testet man anscheinend, ob der Sammlertrieb der Musikfans ausreicht, um sich die teuren Silberlinge auch dann noch ins Regal zu stellen, wenn ihr eigentlicher Zweck - das Anhören - flach fällt. Selbst Radio-DJ's resignieren mittlerweile, schmeißen die vom Plattenpromoter gelieferten Scheiben nach dessen Hinausgeleiten in den Müll und ziehen sich die Hits stattdessen bei Kazaa, weil sonst das computergestützte Sende-System abstürzt und auch die Profi-CD-Player im Studio den Dienst verweigern. Manchem Künstler geht dies nicht weit genug - sie würden gerne ein zerstörtes Betriebssystem (!) auf den PCs der Fans und natürlich auch Radiosender sehen - irgendwann hieße es dann: "Die letzten drei Tage Sendeausfall präsentierte Ihnen Joachim Witt." CDs: Nur noch ins Regal stellen? Der deutsche Kunde ist lernfähig, gibt schließlich den CD-Kauf auf und schneidet wieder wie in alten Zeiten im Radio mit oder bedient sich ebenfalls bei Kazaa & Co., solange diese Alternative noch besteht. In England und den USA hat die Musikindustrie die Kopierschutz-CDs dagegen längst wieder zurückgefahren, um überhaupt noch was zu verkaufen. Bleiben diese lästigen großen Radiosender, die unablässig neue Platten spielen und die Verkäufe so immer noch ankurbeln. Gegen die Großen kann die Musikindustrie nichts unternehmen. Aber die kleinen Hobbywebcaster, gegen die hat man sich inzwischen etwas überlegt, testet es diesmal jedoch nicht in GERMANY wie beim Kopierschutz, sondern in der Schweiz. Auch für Webradios fallen in Deutschland GEMA-Gebühren von mindestens 25 Euro monatlich an. Die entsprechende Organisation, die die Rechte der Komponisten und Songschreiber in der Schweiz vertritt, heißt SUISA ("Suisse Auteurs"). Diese verlangt 10% der Einnahmen entsprechend des Musikanteils des Programms - bei 50% Musik also 5% der Einnahmen. Auch Bands, die ihre eigenen Stücke im Netz zum Download bereitstellen, müssen hier übrigens zahlen, wenn sie nicht eigene Kompositionen sondern Cover spielen. Webradio steht die SUISA jedoch prinzipiell freundlich gegenüber, einen speziellen Tarif gibt es bislang nicht. Das Internet, die musikalische Achse des Bösen Die Plattenindustrie denkt dagegen bei Musik und Internet oft nur an MP3 und Napster und glaubt, ihr geht hier irgendetwas verloren. Die RIAA (Recording Industry Association of America) will deshalb in den USA von jedem Sender, der auch ins Internet streamt, 0,07 Cent pro Hörer und gespieltem Titel. Wer Werbung aussendet, muss in den USA noch mal extra zahlen, weshalb die Stationen, die den Webstream nur als Zusatzservice anbieten, nun mühsam die uninteressante lokale Werbung aus den Websendungen ausblenden. Normale Radiostationen bekommen die CDs als Bemusterung von den Plattenfirmen gratis, Hobby-Webcaster müssen ihre Platten selbst kaufen. Dabei wird ernsthaft argumentiert, der Webcast ließe sich ja verlustfrei mitschneiden. Die US-Plattenfirmen glauben also ernsthaft, jemand würde einen 24 Kbits/s-Monowebstream mitschneiden. Der Unterschied zwischen MP3-Dateien in fast HiFi und dem gerade auf Mittelwellenniveau dahinquäkenden Webstream ist den US-Plattenbossen offensichtlich unbekannt und sie sind der Ansicht, die Hörer würden den krächzenden und stotternden Webstream einer ja ebenfalls immer noch möglichen Aufnahme aus dem normalen UKW-Radio vorziehen. Zwar wurde versucht, das Gesetz zu kippen doch gelang dies bisher nicht. Plattenvertrag? Nein, danke! Noch extremer schlägt die Plattenindustrie nun aber in der Schweiz zu: Die IFPI (International federation of producers of phonograms and videograms) will von jedem Schweizer Internet-Radio pauschal 5000 Franken (ca. 3400 Euro) "Kopiergebühren" für das Aufspielen auf den Server im Jahr zuzüglich weiterer 4% der Einnahmen oder Betriebskosten! Auch bei Sendern, die nur 10 Hörer über den Tag verteilt haben. Klar, die interaktiven Jugendradios sind der Musikindustrie anscheinend ein Dorn im Auge, weil sie auch mal neue Musik von unbekannten Künstlern spielten. Es besteht ja die Gefahr, dass diese dann später versehentlich von den Hörern gekauft würde statt der erwünschten und etablierten Fertigprodukte à la Britney S. Die Folge: Bereits über Jahre etablierte Stationen wie Radio Swiss IRC oder Radio Wave sind offline gegangen. Einzig Bimuradio hat inzwischen einen Ausweg gefunden: Man spielt nur noch Musik von Bands ohne Plattenvertrag oder mit einem Vertrag bei Independent-Labels. Da kommt die IFPI nicht ran. Und es besteht auch keine Gefahr mehr, dass ihre Plattenumsätze versehentlich durch ein Webradio angekurbelt werden. Der Vorteil für noch unbekannte Bands: Nun hat plötzlich bessere Chancen, im Radio gespielt zu werden, wer noch keinen Plattenvertrag hat - die letzten 80 Jahre war es genau andersrum... Deutschland: Online-Musiklieferung bei Nacht Die deutsche IFPI ist wesentlich fortschrittlicher und beklagt sich berechtigterweise über die Verflachung des Radioprogramms: Während früher die Musikredakteure gerade nach seltenen Scheiben suchten, also nicht nur das spielten, was Plattenpromoter ausdrücklich empfahlen und so die Hitparade selbst bestimmten, wird heute oft nur noch gespielt, was bereits in der Hitparade ist. Um dem Problem mit den auf Profi- und Computersystemen nicht mehr abspielbaren CDs beizukommen, haben die deutschen Plattenfirmen mit Musik-Promotion.Net ein System aufgebaut, in dem sich Musikjournalisten über neue Scheiben online informieren und bereits zur Sendung freigegebene Tracks auch vor der CD-Veröffentlichung über Nacht in einem WAV-Format auf ihren Server bekommen können. Damit ist das CD-Computerproblem beseitigt, allerdings ist eine aufwendigere IT-Struktur mit festen IP-Adressen erforderlich, da eine Musik-Datei immerhin 25 MB hat und per VPN sichergestellt werden soll, dass kein Lauscher an der Leitung die neuesten Hits schon vor der Veröffentlichung abgreift und MP3s daraus macht. Für kleine Independent-Sender ist diese Lösung allerdings nicht geeignet. Auch in Deutschland kassiert die Plattenindustrie natürlich für sich selbst und die vortragenden Künstler beim Webradio - die GEMA ist ja nur für Komponisten und Texter zuständig! Allerdings hier nicht über die IFPI selbst, sondern über die dem Normalbürger kaum bekannte GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten). Die Kosten? Ähnlich wie bei der GEMA und SUISA: Mindestens 25 Euro im Monat für bis zu 25 Hörer, darüber entsprechend mehr, wenn 24 Stunden mit 100% Musikanteil gesendet wird. Ein "Wunschkonzert" kann allerdings ins Auge gehen - die Titel dürfen nicht direkt auswählbar und die Musik nicht downloadbar sein. Insgesamt sind also für ein Webradio mindestens 50 Euro im Monat notwendig - zuzüglich Kosten für Tonträger, Internet und Hardware sowie der Gefahr von Abmahnungen.
ZÜRICH - Nach Amerika jetzt auch in der Schweiz: Ein InternetRadio musste wegen Lizenzforderungen den Betrieb einstellen. Harte Zeiten für Schweizer Webradios. Hohe Lizenzforderungen bedrohen ihre Existenz. In Amerika hat der Kongress im Juli entschieden, 0,07 Cent Gebühr pro Musikstück und Hörer von den Webradios zu verlangen. Ein Webcaster wie SomaFM müsste somit rund 15 000 US-Dollar Gebühren pro Monat bezahlen. US-Internetradios gehen gerichtlich und mit Hilfe von Faxen an Senatoren und Abgeordneten gegen die Gebühren vor. Für Thomas Morgenthaler sind zwei Jahre Engagement im Eimer. Im Juli erhielt der Gründer des privaten Hobby-Internet-Radios Bimuradio.ch einen folgenschweren Brief. Die International Federation of Producers of Phonograms and Videograms (IFPI) - Dachverband der Produzenten und Hersteller von Tonträgern - forderte von ihm eine Pauschallizenz in der Höhe von 5 000 Franken. Für Morgenthaler ein Schock: «Dieser Betrag ist brutal!», sagt Mor-genthaler, «ich finanziere das Radio aus meinem Hosensack.» Sogar die CDs kaufe er sich manchmal selbst im Laden. Morgenthaler sah keinen anderen Weg, als den Betrieb vorerst einzustellen. Ganz allgemein sind Schweizer Webradios ins Visier des Dachverbandes geraten. «Die Pauschal-Lizenzgebühr der IFPI ist zum Vorteil der Betreiber», rechtfertigt sich Dr. Peter Vosseler von der IFPI Schweiz, «mit einem Vertrag in der Schweiz sind die Betreiber der Radios vor amerikanischen Klagen geschützt.» CDs, die man im Laden kaufe, seien zudem für den Privatgebrauch bestimmt und nicht für die Verbreitung übers Internet. Morgenthaler wirft die Flinte aber noch nicht ins Korn. Am Sonntag startet er neu mit nicht lizenzierter Musik von Schweizer Bands, die bei keinem oder nur bei unabhängigen Labels untergebracht sind. Zudem will er mit anderen Webradios Kontakte knüpfen, um gemeinsam gegen die als ungerecht empfundenen Forderungen vorgehen zu können.
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